Dietlinde Küpper aus München: Goethes Verhältnis zur Musik 編集中!Still Editing! 書籍:Dietlinde Küpper 「ゲーテと音楽との関係」編集中!Still Editing!

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Dietlinde Küpper「ゲーテと音楽との関係」、ドイツ語の書籍:「Goethes Verhältnis zur Musik」

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Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832) schrieb nicht nur Gedichte, Theaterstücke, die „Wilhelm Meister“-Romane oder den „Faust“, der mit seiner visionären Kraft nie zu veralten scheint. Der Dichter war ein Multitalent, er wurde Profi auch auf ganz anderen Gebieten, wie Medizin, Optik oder Wetterkunde. Er malte, entwarf Gebäude und gestaltete Gartenlandschaften.

Dass er sich umfassende Kenntnisse in der Musik erarbeitete, ist wenig bekannt, und es ist auch erstaunlich. Goethe fiel zwar vieles leicht, aber mit der Musik hatte er durchaus Probleme. Denn die Welt erlebte er vor allem über das Sehen – er war durch und durch ein „Augenmensch“. Der 70-Jährige behauptete sogar, er sei „gehörlos“. Als Jugendlicher lernte er in Frankfurt zwei Jahre Klavierspielen, auch auf dem Cello und auf der Flöte probierte er sich aus. Das geschah aber eher nebenbei, denn weitaus mehr interessierten den jungen Goethe das Malen und alle Art der Naturforschung, und natürlich das Dichten. Er hatte aber viel Umgang mit Musikkennern, und die fragte er – wie alle Fachleute – gerne aus. Und so wusste er mit der Zeit immer umfassender Bescheid über diese Kunst, die die Augen gar nicht braucht. Der alte Goethe kannte sich in musikalischen Fragen besser aus als viele Musiker.

Nach seinem Studium in Leipzig und Straßburg zog er mit 26 Jahren nach Weimar, der Ort, wo er bis zu seinem Tod mit 82 Jahren leben und arbeiten sollte. Auch in Weimar konnte er der Musik nicht entkommen: Am Hof, an dem er jetzt sozusagen mitregierte, spielten viele ein Instrument, sangen oder komponierten sogar, wie Anna Amalia, die Mutter des jungen Regenten. Aber auch Theater wurde gespielt: Goethe lieferte jetzt die Texte und schrieb sogar Libretti für Singspiele, die dann von Amalia oder vom Kammerherrn von Seckendorff vertont wurden.

Sehr erfolgreich war Goethe als Schauspieler, aber er sang nie auf der Bühne, obwohl das damals eigentlich dazugehörte. Als Verfasser mehrerer Theaterstücke und Singspiel-Libretti aber war er auf den Geschmack gekommen: Nicht nur einfache Singspiele, eine große Oper mit Rezitativen sollte es jetzt sein: Aus Goethes Briefen an seinen alten Frankfurter Freund, den Komponisten Philipp Christoph Kayser, geht hervor, dass Librettist Goethe hier etwas ganz gründlich missverstanden hatte: Seine Oper sollte es sein, sein Text stand im Mittelpunkt, im Komponisten sah er nur eine Art Handlanger. Das funktionierte natürlich nicht, denn in der Oper geht es vor allem um die Musik, ein Komponist braucht den Dichter als Handlanger, um seine musikalischen Ideen entfalten zu können. Auch der alte Goethe verstand immer noch nicht, warum es eine echte „Goethe-Oper“ nie geben konnte. Und doch – Goethes Verse klingen mit ihrem geschmeidigen Schwingen der Sprache fast, als seien sie bereits vertont. Und vor allem seine Gedichte waren bei Komponistinnen und Komponisten sehr beliebt. Alleine Franz Schubert hat über 60 Goethe-Gedichte in Musik gesetzt. Dass die Musiker aber auch hier machten, was sie wollten – genauso wie bei seinen Operntexten – ärgerte Goethe: Er wollte einfache Melodien, die sich eng am Text orientieren – die Musiker aber scherten sich nicht um diesen Wunsch und ließen ihrer künstlerischen Fantasie freien Lauf.

Goethe und die Musik: Ein spannendes Kapitel, oft stieß Goethe hier an seine Grenzen. Und doch: Gelegentlich bewies er großen Weitblick und auch ein Gespür für gute Musik, manchmal sogar gegen seinen Willen. Die überragende Strahlkraft der Musik Mozarts war ihm früher klar als anderen, er sah voraus, dass wir diese Musik heute noch hören. Das ganz Besondere der Kunst Johann Sebastian Bachs umschrieb er – nach äußerster Konzentration beim Zuhören mit geschlossenen Augen – so: „Als wenn die ewige Harmonie sich mit sich selbst unterhielte, wie sich’s etwa in Gottes Busen, kurz vor der Weltschöpfung, möchte zugetragen haben.“ (17.7.1827) Die kosmischen Wahrheiten in Bachs Musik – Goethe bringt es auf den Punkt.

Die Musik der Jüngeren mochte Goethe nicht, ihr ausgiebiges Schwelgen in Gefühlen war ihm nicht geheuer, er hörte lieber klar Strukturiertes, Heiteres. Trotz seiner Vorurteile blieb Goethe aber neugierig, mit dem 60 Jahre jüngeren Felix Mendelssohn Bartholdy war er sogar befreundet. Der junge Feuerkopf kam einmal mit besonderen Noten unter dem Arm zu Besuch: Er könne ihm nicht helfen, sagte er dem alten Freund, das aber müsse er jetzt hören, legte Beethovens neue 5. Sinfonie aufs Pult und spielte los. Das waren damals ganz unerhörte Klänge: Eine Musik ohne Kompromisse, pessimistisch und düster – so ungefähr das Gegenteil von dem, was Goethe gerne hörte. Der Dichter war überwältigt, rang um Fassung und fand – mal wieder – einen treffenden Ausdruck für das, was er da hörte: „Das ist sehr groß, ganz toll! Man möchte sich fürchten, das Haus fiele ein.“

Goethe fahndete nach Wissen, auf welchem Gebiet, war eigentlich egal. Und so machte der „gehörlose“ Dichter sogar als Musikforscher keine schlechte Figur. In der sogenannten „Molldebatte“ vertrat er eine Meinung, die kaum jemand ernst nahm – die aber in unserer Zeit bewiesen wurde.

Damals waren viele Musiker überzeugt, dass die Molltonleiter eine künstliche Konstruktion sei und vom Dur abgeleitet: Man habe die große Terz – die zum Durdreiklang gehört – einfach in eine kleine verwandelt, und so das Tongeschlecht Moll kreiert. Das hatte der berühmte Komponist Jean-Philippe Rameau 1722 in einer musiktheoretischen Schrift behauptet – obwohl er es besser hätte wissen müssen: Schließlich gab es die kleine Terz schon lange in den Kirchentonarten, den Vorläufern des Dur-Moll-Systems.

Rameaus Kollegen beteten diese Idee noch hundert Jahre später nach, und Goethe ärgerte sich: Für ihn war diese Vorstellung an den Haaren herbeigezogen. Er behauptete, dass die innere Ordnung der Töne sich dem Menschen einst intuitiv erschlossen habe, dass Tonsysteme beim Singen von selbst auf natürliche Weise entstanden sein müssen, indem sie inneren Gesetzmäßigkeiten folgen. So heißt es in Goethes „Tonlehre“, eine Skizze, die als Vorbereitung für einen längeren wissenschaftlichen Text dienen sollte – eine Arbeit, die Goethe dann doch nicht ausgeführt hatte. Diese gut ausgearbeitete Skizze hängt auch heute noch in Goethes Sterbezimmer in seinem Wohnhaus in Weimar.

Goethe behielt mit seiner Hypothese recht – und nicht seine musikalischen Zeitgenossen. Dass traditionelle Tonleitern weltweit eng mit den Bedingungen der Tonerzeugung im Kehlkopf zusammenhängen, konnte vor wenigen Jahren nachgewiesen werden. 2009 und 2010 erschienen in der Reihe „PloS ONE“ der Duke University in den USA die Ergebnisse von umfassenden Forschungen, die Goethes Vorstellung bestätigen – ohne dass die Wissenschaftler überhaupt an Goethe dachten.

Diese Forschungsergebnisse sind umfassend und sehr komplex, man kann sie aber auf mehrere einfache Nenner bringen:
Computerprogramme, die mit unendlich vielen gesammelten Daten gefüttert wurden, zeigten enge Zusammenhänge zwischen den Bedingungen zur Töne-Erzeugung im Kehlkopf und der klanglichen Gestalt von den verschiedensten Sprachen auf der Welt. Und nicht nur das: Auch die Tonsysteme von unterschiedlichen Kulturen auf der ganzen Erde haben eine enge Verbindung zu dem Spektrum der Töne, das vom Kehlkopf vorgegeben wird: Tonsysteme entstehen also – genau wie das Goethe behauptet hatte – aus intuitiver Vertrautheit mit klanglichen Gesetzmäßigkeiten, die schon beim Sprechen zu Tage treten: „Indem sich aus und an dem Menschen selbst die Tonwelt offenbart“, heißt es in seiner „Tonlehre“-Skizze – und genau das hat das Forscherteam der Duke University nachgewiesen.
(Purves, Dale and Gill, Kamraan Z.: A Biological Rationale for Musical Scales in: PloS ONE, Duke University, Durham, USA 2009 + Purves. Dale: Major and minor music compared to excited and subdued speech, in „Journal of the Acoustical Society of America, Bd 127, 491-503, 2010)

Die Forscherinnen und Forscher aus den USA konnten auch belegen, dass Menschen in der ganzen Welt, wenn sie positiv gestimmt sind, im Kehlkopf mehr dur-ähnliche Klänge erzeugen, und dass bei gedämpftem, traurigem Sprechen moll-typische Frequenzen häufiger entstehen.

Goethe wies die Idee, dass die Molltonart künstlich hergestellt worden war, kategorisch zurück. Er war überzeugt, dass Tonsysteme intuitiv aus einem Gefühl für Stimmigkeit entstanden waren – und nicht aufgrund bewusst durchgeführter Anordnung. Natürlich kennen wir heute auch Tonsysteme, die „künstlich hergestellt“ wurden – wie etwa das von Arnold Schönberg um 1900 kreierte Zwölftonsystem. Aber diese Systeme sind als Konstruktion allgemein bekannt.

Goethes Verhältnis zur Musik ist deshalb besonders spannend, da es von Widersprüchen gekennzeichnet ist. Goethe fremdelte mit der Materie, und manches hat er gründlich missverstanden. Und doch überrascht er uns auch auf diesem Gebiet mit einer Weit- und Klarsicht, die weit in die Zukunft weist und uns Heutige noch staunen lässt.
Dietlinde Küpper

Dietlinde Küpper: Goethes Verhältnis zur Musik
Nichts kapiert und alles verstanden
Verlag: tredition, 2019
ISBN 978-3-7497-3163-3 (Hardcover)
978-3-7497-3164-0 (e-Book)

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